Warum ich mich nie zwischen Ideen und Struktur entscheiden wollte – und weshalb bei mir ausgerechnet beides zusammen dafür sorgt, dass aus Ideen auch etwas wird.
Wenn ich Menschen zum ersten Mal erzähle, dass ich kreativ und organisiert bin, bekomme ich erstaunlich oft dieselbe Reaktion:
„Das geht doch gar nicht. Das ist doch nicht logisch.“
Doch. Bei mir schon.
Ich male Bilder. Ich entwickle Systeme und Planer. Und wenn mir eine normale IKEA-BESTÅ-Wohnwand zu langweilig ist, komme ich eben auf die Idee, aus einem Lattenrost eine Art Musikamplitude von oben nach unten zu bauen – inklusive LED-Stableuchten.
Warum auch einfach, wenn man einen Lattenrost zweckentfremden kann?
Geschenke können bei mir übrigens ähnlich ausarten. Mein Bruder bekam einmal Einzelteile von mir. Nummeriert. Dazu eine selbstgemachte Bauanleitung. Am Ende entstand daraus ein Schnapsspender für die Wand.
Das Ding hängt heute noch.
Ich werte das als Erfolg.
Das Interessante ist: Organisation ist für mich gar nicht der Gegenpol zu Kreativität.
Oft ermöglicht sie sie erst.
Ich habe zum Beispiel aus einer Kleiderstange, Acrylplatten und Haken ein flexibles Wandboard gebaut, damit ich mein Kanban-Board genau dorthin stellen kann, wo ich es gerade in meinem Sichtfeld brauche.
Für meinen Planer habe ich eigene Layouts entwickelt, weil vorhandene Lösungen nicht zu dem gepasst haben, was ich tatsächlich täglich brauche.
Ich organisiere also nicht, obwohl ich kreativ bin.
Ich werde kreativ, wenn ich merke:
So, wie es gerade ist, funktioniert es für mich nicht.
Dann beginnt mein Kopf zu bauen.
Manchmal mit Papier und Planer.
Manchmal mit Acrylplatten.
Manchmal offenbar mit Lattenrosten.
Diese Kombination hat allerdings auch eine weniger praktische Seite.
Denn aus einer guten Idee kann bei mir ziemlich schnell werden:
Das könnte ich noch schöner machen.
Und wenn ich schon dabei bin …
Das könnte ich auch noch optimieren.
Und dann fehlt hier noch etwas.
Und dort könnte man noch …
Bis aus einem überschaubaren Projekt ein riesiges Ding geworden ist, das vor allem eines nicht wird:
fertig.
Irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen:
Muss das wirklich alles zu 100 Prozent perfekt sein? Oder wäre ich vielleicht auch mit weniger zufrieden?
Mathematisch betrachtet kann man schließlich selbst die Hälfte immer wieder halbieren.
Und manchmal passiert etwas ganz anderes: Man arbeitet an etwas, tritt irgendwann einen Schritt zurück und denkt:
Hey. Das sieht eigentlich schon richtig gut aus. Ich bin fast fertig.
Genau das kann der Moment sein, an dem man aufhören sollte.
Denn ein Bild kann man auch vermalen, wenn man unbedingt noch weitermachen möchte. Und bei Projekten können ausgerechnet die letzten 20 Prozent plötzlich so viele neue Hindernisse erzeugen, dass aus etwas fast Fertigem wieder eine ewige Baustelle wird.
Ich musste lernen, dass Aufhören manchmal genauso zum Machen gehört wie Anfangen.
Ein herrlich banales Beispiel dafür ist mein Haushalt.
Ich räume Zimmer eins auf und finde etwas, das eigentlich in Zimmer zwei gehört.
Also gehe ich in Zimmer zwei.
Dort entdecke ich etwas für Zimmer drei.
In Zimmer drei wartet natürlich etwas, das woanders hingehört.
Und irgendwann stehe ich wieder in Zimmer eins.
Ich war die ganze Zeit beschäftigt.
Nur fertig ist nichts.
Deshalb gibt es bei mir die Körbchen-Methode: Alles, was nicht in dieses Zimmer gehört, kommt erst einmal in einen Korb. Ich bleibe bei dem Raum, den ich gerade mache. Wenn ich später sowieso ins nächste Zimmer gehe, nehme ich die Sachen mit.
Im Grunde ist das eine kleine Anti-Ablenkungs-Technik:
Nicht jedem neuen Impuls hinterherlaufen. Erst das fertig machen, was gerade dran ist.
Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich genau solche Prinzipien längst an vielen Stellen meines Lebens benutze.
Aus meiner Arbeit als Product Owner kannte ich bereits das Prinzip, Dinge horizontal und vertikal zu schneiden.
Irgendwann habe ich angefangen, diesen Gedanken auch auf meine privaten Projekte zu übertragen.
Wenn etwas riesig vor mir steht, frage ich mich:
Was ist die kleinste Version von dem, was ich eigentlich haben möchte?
Zum Beispiel möchte ich im und vor meinem Carport Kieselsteine haben. Der Schotterplatz soll schöner werden und gleichzeitig müssen bestimmte Vorgaben eingehalten werden.
Schon geht es los:
Wie mache ich das? Was brauche ich? Funktioniert meine Idee überhaupt? Brauche ich Hilfe? Kann ich das alleine?
Ich könnte versuchen, das komplette Projekt im Kopf zu lösen.
Oder ich finde die kleinste Version, die ich ausprobieren kann.
Denn der kleinste Schritt in die richtige Richtung ist immer noch ein Schritt.
Das habe ich eigentlich schon viel früher gelernt.
Ich habe als Alleinerziehende mit kleinem Stöpsel meinen Bachelor und Master gemacht, nebenbei gearbeitet und meinen Haushalt organisiert. Natürlich hatte ich dabei auch Hilfe. Aber trotzdem entstand das Ergebnis nicht durch einen einzigen riesigen Kraftakt.
Sondern Schritt für Schritt.
2012 wurde mir gesagt, dass ich mir alleine kein Haus leisten könne und entsprechend vorsorgen müsse.
2019 habe ich alleine ein Haus gekauft.
Nicht, weil zwischen 2012 und 2019 plötzlich ein gigantischer Sprung passiert wäre.
Sondern weil dazwischen viele kleine Schritte lagen.
Das Lustige ist: MACH’S KLEINER! und MACH’S FERTIG! sind nicht entstanden, weil ich irgendwann beschlossen habe, zwei schicke Methoden zu erfinden.
Ich habe erst später gemerkt:
Moment mal. Ich mache das ja selbst längst so.
Ein aktuelles Beispiel hängt quasi gerade an meinen Wänden.
Im Oktober 2025 habe ich meine Vision für 2026 entwickelt. Ich wollte mehrere Räume meines Hauses verändern: Tapeten runter, Farbe an die Wände, insgesamt mehr Neubau-Look – aber natürlich mit meinem eigenen Flair.
Als Gesamtprojekt klingt das schnell nach:
Herzlichen Glückwunsch. Wir renovieren jetzt ein Haus.
Also habe ich es kleiner gemacht.
Nicht das Haus war mein Projekt.
Jeder Raum bekam seine eigene kleine Vision. Monat für Monat konnte ich mir einen davon vornehmen.
Und selbst innerhalb eines Raumes musste nicht „Renovieren“ der nächste Schritt sein.
Der kleinste Schritt kann auch heißen:
Fünf Minuten abkleben.
Mehr nicht.
Heute sind von dieser großen Vision nur noch drei Räumlichkeiten übrig – und eines davon ist bereits angefangen.
Genau darin erkenne ich inzwischen meine eigene Art zu arbeiten wieder.
Ich mache große Dinge kleiner, damit ich überhaupt anfangen kann.
Und ich brauche einen Punkt, an dem ich sage:
Das ist gut. Das ist fertig. Jetzt hör auf, noch daran herumzuoptimieren.
Daraus sind später MACH’S KLEINER! und MACH’S FERTIG! entstanden. Und der Macherstratege verbindet diese Gedanken zu einem größeren System für die Umsetzung.
Nicht, weil ich mir theoretisch überlegt habe, wie Menschen Dinge fertig bekommen könnten.
Sondern weil ich selbst ziemlich gut darin bin, aus einer kleinen Idee ein gigantisches Projekt zu machen – und deshalb lernen musste, wie ich mich auch wieder dort heraushole.
Vielleicht sind Kreativität und Organisation also tatsächlich kein besonders logisches Paar.
Für mich gehören sie trotzdem zusammen.
Kreativität lässt mich Möglichkeiten sehen. Struktur hilft mir, daraus etwas zu machen.
Und manchmal besteht die beste Struktur nicht darin, einen perfekten Plan für das komplette Projekt zu haben.
Manchmal reicht die Frage:
Was ist die kleinste Version davon, mit der ich heute anfangen kann?
Und irgendwann danach braucht es noch eine zweite:
Ist es vielleicht schon gut genug, um jetzt einfach fertig zu sein?
Vielleicht ist genau das meine Art von kreativ UND organisiert.
Und ja:
Das geht doch.
Ich entwickle praktische Strategien für Selbstführung und Umsetzung – meistens aus Dingen, die ich in meinem eigenen Leben erst einmal selbst einfacher machen wollte. So ist auch MyEasierNow entstanden: nicht für das perfekte Leben, sondern für dein echtes.
Gründerin von MyEasierNow
Ich entwickle praktische Strategien für Selbstführung und Umsetzung. Nicht für das perfekte Leben – sondern für dein echtes.
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